Die ersten 40 Jahre der Republik ohne die kurdische Sprache!

Die Zusammenarbeit der Kurden mit den Begründern der türkischen Republik dauerte daher nur während des Befreiungskrieges an.

Die Anfangsjahre der türkischen Republik und die dargebotenen [Un]Möglichkeiten lassen aus Sicht der kurdischen Medien die Zeit des osmanischen Reichs vermissen. Die Verantwortlichen der neuen Republik verstärken die seit 1864 im osmanischen Reich initierten Zensurorgane. Am 20. Mai 1924 wurde die kurdische Sprache in öffentlichen Gebäuden untersagt und zeitgleich mit der Einführung des Tevhid-i Tedrisat Gesetzes (Unterrichtsgesetz) verschwand Kurdisch auch aus dem Bildungsbereich. Somit wurden nicht nur kurdischsprachige Medien sondern auch die mündliche Anwendung dieser Sprache verboten. Die Zusammenarbeit der Kurden mit den Begründern der türkischen Republik dauerte daher nur während des Befreiungskrieges an.

Der Konflikt sollte 1921 beginnen, als die türkische Regierung am 11. April – mit der Begründung,  die Oberhäupte Alişan Bey und Haydar Bey der Volksstämme aus Koçgiri würden einen Aufstand gegen die Regierung planen – einen Unterwerfungsangriff startete. Laut unterschiedlicher Quellen beläuft sich die Anzahl der getöteten Sippenangehörigen auf 50.000 bis 70.000. 1925 brach dann der Aufstand von Şeyh Sait [Anmerkung: Name eines Aufständischen] aus. Mit dem Takrir-i Sükun Kanunu Gesetz (Geruhsamkeit Gesetz) wurden alle opositionellen Medien aus der Öffentlichkeit entfernt und die folgenden Jahre sollten für die Kurden eine Zeit der Finsternis darstellen. Die Zeitspanne 1927 – 1938 blieb aufgrund der blutigen Aufstände in Erinnerung. Städte wie Zilan, Ağrı und Dersim verwandelten sich zu Kriegsschauplätzen.

Die Zeitung Agri

In den folgenden Jahren kann von einer kurdischen Medientätigkeit nicht die Rede sein. Eine Ausnahme, welche die Verbote umging, war die handschriftlich verfasste Zeitung von İhsan Nuri Bey (Gallionsfigur des ehemaligen Ağrı (Ararat) Berg Aufstandes in den Jahren 1929 – 1930). Wenn man ein paar zögerliche Aufbegehrensversuche außer Acht läßt, kann man die ersten 40 Jahre der türkischen Republik bis zu den Anfängen der 1960er Jahre als die von kurdischer Medienaktivitäten bereinigte Zeit bezeichnen.

Die Kurden kehren mit türkischsprachiger Medientätigkeit zurück…

Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg und die folgende Demokratie veranlasste die Kurden ihre türkischsprachigen Medien mit neuem Elan fortzuführen. In Istanbul erschienen 1948 Dicle Kaynağı (Tigris Quelle), 1950 Şarkın Sesi (Stimme des Ostens), Şark Mecmuası (Östliche Zeitschrift) und Demokrat Doğu (Demokratischer Osten). Erstmals wurde auch die Hauptstadt Ankara in die Medientätigkeit einbezogen. Weitere Städte folgten: 1953 Ağrı, 1955 Henek, 1956 Cudi, 1957 Dersim. In Diyarbakır  wurde 1958 von Seiten Musa Anters und Freunden İleri Yurt (Fortgeschrittener Heimat) veröffentlicht.

In den 1950er Jahre sollte es den Kurden nicht möglich sein, in eigener Muttersprache Medien zu publizieren und gegen Ende war sogar die türkischsprachige Publikation von kurdischen Medien untersagt. 1949 waren viele kurdische Intellektuelle und Journalisten inhaftiert worden. Die erste Krise sollte am 15. April 1959 in der Akşam (Der Abend) Zeitung in Form eines Artikels ihren Anfang nehmen: kurdische Intellektuelle und Studenten hatten sich zum Kurdentum bekannt. Die zweite Krise folgte am 31. August 1959 aufgrund eines in kurdisch veröffentlichten Gedichts in der von Musa Anter geführen İleri Yurt Zeitung. Gegen die Zeitung und Musa Anter wurde umgehend Anzeige erstattet. Am 17. Dezember 1959 erfolgten zeitgleich in allen Regionen des Landes Festnahmen.

Wer von der Geheimpolizei (MIT) vorgeschlagen wurde, fand sich auf einer 50 Personen Liste der Festzunehmenden. Da die Gefängniszellen über unzureichende Bedingungen verfügten, verstarb der kurz vor dem Abschluß stehende Mehmet Emin Batu (Student der Rechtswissenschaften in Ankara) an einer Magenblutung. Daher belief sich die Zahl der restlichen Inhaftierten nun auf 49 Personen. Dieses Strafverfahren erlangte in der Öffentlichkeit unter dem Code “49er-Verfahren” bis heute traurige Berühmtheit.

Die 1960er Jahre waren auch für die Kurden bunt…

Von der 1960 erlassenen Amnestie konnten auch kurdische Intellektuelle profitieren. Im folgenden Jahr wurde eine neue Verfassung erlassen, welche einen wichtigen Schritt in Richtung “Demokratische Gesellschaft” setzte. Dementsprechend konnte eine bunte Medienlandschaft entstehen, in der die ehemals verbotenen Medien der Kurden erneut Fuß fassten. Auf diese Möglichkeit hatten sie immerhin 40 Jahre gewartet…

Dicle-Fırat (Tigris-Euphrat)

Am 1. November 1962 von Edip Karahan und Freunden gegründete Zeitung, welche zweisprachig in Istanbul erschien. Sie verstand sich als ideensammlende Monatszeitung, konzentrierte sich vor allem auf die Kurdenfrage und deren Literatur (Gedichte und Geschichten). Einige namhafte Intelektuelle seien hiermit erwähnt: Edip Karahan, Dr. Sait Kırmızıtoprak, Halit Nazmi Balkaş, Ahmet Botanlı, Yaşar Kaya, İsa Şans, Hüseyin Aruk, Ekrem Tunç, Sait Elçi, Ahmet Aras, Bahri Koçkaya, Şevket Epözdemir, Hüseyin Sağniç, Mahmut Toprak, Mehmet Şanlıer und Musa Anter. In den 8 Monaten ihres Bestehens konnte sie nur 8 Ausgaben veröffentlichen, da der Besitzer Edip Karahan beim Druck der neunten Ausgabe verhaftet wurde und die Zeitung somit mit dem 14. Mai 1963 ihr Ende fand. Edip Karahan mußte in weiterer Folge jeweils ein Jahr Strafe in Istanbul und Ankara absitzen.

Die Zeitschrift Keko

Erschien erstmals am 6. März 1963 von Seiten des Siverek Kultur Vereins in Ankara und veröffentlichte in kurdischer und türkischer Sprache.

Die Zeitschrift Deng (Die Stimme)

Erschien ebenfalls -wie ihre Vorgänger- zweisprachig und wurde in Istanbul als eine der wichtigsten Medien der 1960er Jahre rezipiert. Die Hauptverantwortlichen Medet Serhat, Ergun Koyuncu, Yaşar Kaya und Celal Ergün konnten fünf Ausgaben in Umlauf bringen.

Roja Newe (Neuer Tag)

Diese am 15 Mai 1963 in Istanbul veröffentlichte Zeitschrift erhielt wegen der erstmaligen Präsenz der Zaza-Sprache an Wichtigkeit. Der Besitzer Doğan Kılıç Şıhhesenanlı wurde von berühmten kurdischen Intelektuellen dieser Zeit durch Beiträge unterstützt. (Halil Kılıçkaya, Hasan Buluş, Abdurrahman Efhem Dolak, Selim Hangül, Zülküf Karahan) Inhaltlich widmete man sich vor allem dem kurdischen Kulturleben.

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Nächster Abschnitt:
Die letzten 5 Jahre vor dem Militärputsch am 12. September

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