Mit Erde gegen Armut | Mapungubwe Interpretation Centre

Der kleinteilige Baukomplex erzählt Geschichten über die Ruinen des Ortes, die bis zu ihrer Wiederentdeckung (1933) über 700 Jahre lang unbewohnt blieben.

Wien – Ausgerechnet dieses Bauwerk, jenseits der Modeerscheinungen der Architekturwelt, fast ohne Baumaterialien und ohne erfahrene Arbeitskräfte gebaut, rückte ins Rampenlicht und wurde vor rund 10 Jahren mit zahlreichen internationalen Preisen gewürdigt.

Das an Südafrikas Nordgrenze zu Botswana und Zimbabwe in einem Nationalpark mit extrem reichlicher Flora und Fauna liegende Mapungubwe Interpretation Center gehört zum UNESCO Weltkulturerbe und weist eine über 3000 Jahre alte Siedlungsgeschichte auf.

Der kleinteilige Baukomplex erzählt Geschichten über die Ruinen des Ortes, die bis zu ihrer Wiederentdeckung (1933) über 700 Jahre lang unbewohnt blieben, umfasst 1500 m2 bebaute Fläche. Das Zentrum mit fliegenden Dächern lehnt sich im Einklang mit den Sandsteinformationen und den Mopane-Wäldern an die abfallende Topographie des Geländes an.

Wie kam es zu dieser Bauweise, welche in überraschender Weise die Erwartungen zur Nachhaltigkeit allseits erfüllt ohne die Interessen der Bauindustrie stillen zu müssen?

Peter Rich: Es ist eine längst vergessene, durch Maurer aus Nordafrika nach Katalonien mitgebrachte und von Architekten wie Antonio Gaudi eingesetzte Gewölbetechnik. Es geht hier um frei formbare Schalen, die aus mehrschichtig gelegten sehr dünnen Erdziegeln aufgemauert werden.

Der Katalane Rafael Guastavino brachte  diese Technik 1885 in die USA. Sein Unternehmen wirkte dort landesweit bei der Erstellung von fast 1000 öffentlichen Bauwerken mit, wie ‘Ellis Island Registry Hall‘, ‘Oyster Bar’ im  ‘Grand Central Terminal’ und ‘the Boston Public Library’. Diese materialsparende Bautechnik des doppel-gekrümmten Gewölbes ‘a la Catalana’ stand anfänglich in großer Konkurrenz zur Stahlbetontechnik, weil sie einfacher und kostengünstiger in der Umsetzung war.

Fotos: Peter Rich

In den letzten Jahren etablierte das Architektur Department des Massachusetts Institute of Technology  (MIT) unter der Leitung von John A. Ochsendorf das ‘Project  Guastavino’ um diese in Vergessenheit geratene Bautechnik wieder zu beleben. Mit ihm und mit dem Ingenieur Michael Ramage von der Universität Cambridge entwickelten und testeten wir diese altbekannte Schalendachkonstruktion, die aus flachen Erdziegeln aufgebaut wird, weiter. Weitere Partner des Projektes waren James Bellamy (Ausbildung der Handwerker vor Ort), Henry Fagan (Südafrikanischer Ingenieur für das Tragwerk), Dr Anne Fitchett (Nachforschung über Lehm-Zement Technologie). Der Umsetzungsprozess erstreckte sich bis 2009.

Wie haben Sie das Projekt Mapungubwe durchzusetzen können, obwohl seine Bauweise experimentell und daher außergewöhnlich ist?

Ein gewonnener Architektur-Wettbewerb 2005 ermöglichte die Umsetzung in Kollaboration mit John O. Ochsendorf und Michael Ramage.

Es war eine erschöpfende Aufgabe, das Projekt auf die Beine zustellen. Die Arbeit mit fachfremden politischen Entscheidungsträgern war eine Herausforderung, weil sie anfänglich nicht unbedingt als Befürworter des Projektes agierten.

Ich sehe eine Architekturaufgabe als einen Gesamtprozess. Dieser erfordert vor allem Mitnahme und Erziehung der Auftraggeber ganz besonderes am Beginn aber auch während der Durchführung eines Architekturprojektes.

Es gibt in Nordafrika eine noch lebende Ziegelgewölbetechnik, die ohne Gerüst, fast ohne Werkzeuge angewendet wird. Was ist der Unterschied zu Ihrer Technik?

Die 18 mm starken Erdziegel, die wir verwenden, werden drei-schichtig zum Gewölbe aufgemauert. Sie werden ausschließlich aus der Erde des Bauplatzes hergestellt. Eine lehmige Mischung eignet sich besser dazu. Nur 5% Zement wird beigemischt. Neu ist bei unserer Methode, anders als bei der katalanischen Methode der Terrakotta-Ziegel, dass es keine Notwendigkeit für das Brennen der Erdziegel gibt. Um sie zu Erzeugen ist kaum Energie-, Transport und Lagerungsaufwand notwendig. Sie werden mit südafrikanischen Erdpress-Maschinen von Bewohnern vor Ort produziert. Die Arbeiter werden dafür eingeschult. So erlernen sie ein Handwerk, das sie zu weiteren Baustellen mitnehmen können. So schafft das Projekt Arbeitsplätze und ermöglichte eine Handwerksausbildung für die Arbeiter, die die Bewohner vor Ort sind.

Für uns war es wichtig, die Bevölkerung nachhaltig in das Projekt zu integrieren. Während der Arbeitsaufwand beim Bauen des Projektes sehr hoch war, wurde der Energieaufwand und der Ressourcen-Verbrauch sehr gering gehalten. Die soziale Dauerhaftigkeit des Projektes stand immer im Vordergrund.

In den letzten Jahren gab es eine Reihe von Importprojekten von Universitäts-Teams aus Österreich, die sich den Selbstbau von Schulen in Südafrika vorgenommen haben. Was macht das Projekt Mapungubwe anders?

Ich schätze die Angemessenheit eines Architekturprojektes. Wichtig ist, das kulturelle Umfeld und die Rahmenbedingungen eines Projektes im Vorfeld sehr gut kennen zu lernen. Es gibt bestimmte Typologien der ‘Busch-Architektur’ beispielsweise für Schulbauten, die in Afrika immer wieder vorkommen; sei es in Zimbabwe oder in Äthiopien. Es ist nicht viel anders als in Österreich.

Die Schulbauten der Europäischen Architekturstudierenden für Afrika, die als allein stehende Baukörper in die Landschaft gesetzt worden sind und dadurch keine geschützten offenen Gemeinschaftsräume artikulieren können, kommen längerfristig nicht gut an. Die Höfe zwischen den Bauteilen sind als  Gemeinschaftsräume von hoher Bedeutung. Sie sind Lebensräume, die auch in Afrika zur Kulturgeschichte gehören. Der Geborgenheitsbedarf der Schulkinder und Lehrenden erfordert diese geschützten Lebensräume unbedingt.

Die Vorstellung von Zuhause beinhaltet, anders als in Europa, nicht nur das Einzelhaus sondern das gesamte Ensemble, die ganzen Dorfstruktur, zusammen mit allen umgebenden offenen Räumen wie Höfen und Zugängen.

Foto: Peter Rich

Passen diese Projekte, die in einem anderen Kulturkreis und unter anderen Vorraussetzungen geplant und zum Teil vorfabriziert werden zu ihrer Zielgesellschaft?

Diese Bau-Projekte der Architekturschulen scheinen ohne Zweifel höhere bautechnische Qualitäten zu haben. Allerdings steht der Aufwand für Transport und Technik dazu in keinem Verhältnis.

Außerdem es gibt bei so genannten nachhaltigen Architekturbauten der Industrieländer oft das Problem, dass sie unästhetisch wirken, weil sie nicht nach den Regeln architektonischer Ästhetik entworfen worden sind. In der Regel werden bei der Planung nachhaltige Systeme beziehungsweise Produkte verwendet, die die Möglichkeiten zu einer einzigartigen und situationsangepassten Gestaltung der Bauten erschweren.

Das Projektteam hat eine traditionelle Bauweise in einem ‘hightech’ Verfahren erforscht, um in einem ‘lowtech’ Verfahren bauen zu können. Was und wie können wir von der vernakularen Architektur lernen? Können die traditionellen Bauweisen uns den Weg weisen?

Im Grunde muss man nichts wirklich erfinden. Der beste Weg ist, die traditionelle Baukultur sehen und verstehen zu lernen. Meine Annäherung an die Architektur ist die räumliche Qualität: Nutzerfreundliche Raumformen, bequeme Proportionen… Wenn es einmal verstanden wird, für die eigentlichen Bedürfnissen der Gesellschaft zu bauen, kann es überall in der Welt gelingen.

Wir müssen als ArchitektInnen nicht ‘hot shots‘ werden. Die Star-ArchitektInnen versuchen zwar vordergründig ein eigenes unverwechselbares Stilbild zu entwickeln, aber sogar Frank Gerhy musste sich jahrelang mit der räumlichen Qualität auseinandersetzen, bevor er Avantgarde geworden ist.

Was sind Ihre Zukunftspläne? Wie wollen Sie Ihre Arbeit fortsetzen?

Ich war in den letzten Jahren, nach 30 Jahren Tätigkeit als Universitätslehrer in Johannesburg, als Gast-Professor in vielen Städten tätig; u.a. in Venedig, Boston und Wien. Außerdem setze ich meine Arbeit zur Dokumentation der afrikanischen traditionellen Siedlungen fort. Zudem  bauen und experimentieren wir weiterhin mit der Erdziegel-Gewölbetechnik in den USA und in Afrika.

betuel.bretschneider@chello.at

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